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Glossar

Ethylenoxid-Sterilisation von Medizinprodukten

Die Ethylenoxid-Sterilisation ist ein chemisches Niedertemperaturverfahren, bei dem Ethylenoxid, abgekürzt EO, als gasförmiges Sterilisiermittel auf das verpackte Produkt einwirkt. Sie wird eingesetzt, wenn Produkte thermisch oder durch Strahlung nicht belastbar sind, etwa bei Kunststoffkathetern, Schlauchsystemen, elektronischen Komponenten oder Produkten mit langen, engen Lumina. EN ISO 11135 legt die Anforderungen an Entwicklung, Validierung und Lenkung der Anwendung eines EO-Sterilisationsverfahrens für Medizinprodukte fest. Weil Ethylenoxid alkylierend und krebserzeugend wirkt, ist das Verfahren zusätzlich durch Rückstandsgrenzwerte nach EN ISO 10993-7 und durch Arbeitsschutzanforderungen geprägt.

Wirkprinzip und Prozessphasen

Ethylenoxid inaktiviert Mikroorganismen durch Alkylierung von Proteinen und Nukleinsäuren. Der Prozess ist kein Einzelschritt, sondern eine Kette definierter Phasen: Vorkonditionierung außerhalb der Kammer, Konditionierung in der Kammer mit Aufbau von Temperatur und relativer Feuchte, Gasexposition mit definierter EO-Konzentration und Verweilzeit, Druckwechsel und Spülung zur Gasentfernung sowie Desorption, auch Aeration genannt, bis zu vorgegebenen Rückstandsniveaus. Kritische Parameter sind EO-Konzentration, Temperatur, relative Feuchte, Druckverlauf und Zeit. Die Feuchte ist dabei ebenso kritisch wie die Gaskonzentration, weil ausgetrocknete Sporen deutlich schlechter inaktiviert werden.

Validierung nach EN ISO 11135

Die Validierung umfasst Installations-, Betriebs- und Leistungsqualifizierung. Die physikalische Leistungsqualifizierung belegt, dass die kritischen Parameter im gesamten Beladungsmuster erreicht werden; die mikrobiologische Leistungsqualifizierung belegt die keimabtötende Wirkung. EN ISO 11135 beschreibt hierfür zwei mikrobiologische Wege: das Halbzyklusverfahren, das über eine halbe Expositionszeit ohne Nachweis überlebender Keime auf einen konservativen Overkill-Ansatz führt, und ein biobelastungsbezogenes Verfahren. Eingesetzt werden biologische Indikatoren mit Sporen von Bacillus atrophaeus, meist in Prozessprüfkörpern, die die schwierigste Stelle der Beladung nachbilden. Beladungskonfiguration, Verpackung und Produktdichte sind Teil der Validierung; Änderungen daran lösen eine Revalidierung aus.

Rückstände nach EN ISO 10993-7

Nach der Exposition verbleiben Ethylenoxid und sein Umwandlungsprodukt Ethylenchlorhydrin, abgekürzt ECH, im Produkt. EN ISO 10993-7 legt zulässige Grenzwerte, Messverfahren und Konformitätsnachweise fest und unterscheidet nach Kontaktdauer: kurzzeitiger Kontakt bis 24 Stunden, längerer Kontakt bis 30 Tage und Dauerkontakt. Für Ethylenoxid gelten als Höchstwerte 4 mg in den ersten 24 Stunden, 60 mg in den ersten 30 Tagen und 2,5 g über die Lebensdauer bei Dauerkontakt, ergänzt um mittlere Tagesdosen; für ECH bestehen eigene, weniger strenge Werte. Die Desorptionszeit ist deshalb nicht frei wählbar, sondern eine validierte Freigabebedingung, deren Einhaltung analytisch belegt wird.

Material, Verpackung und Arbeitsschutz

Das Verfahren setzt eine gasdurchlässige Verpackung voraus, typischerweise ein Sterilbarrieresystem mit Vliesbahn und Siegelfolie, damit Gas und Feuchte das Produkt erreichen und anschließend wieder entweichen können. Nicht geeignet sind flüssigkeitsgefüllte oder gasdicht abgeschlossene Produkte. Materialverträglichkeit ist doppelt zu bewerten: einerseits hinsichtlich Verformung, Verfärbung und mechanischer Eigenschaften durch Feuchte, Temperatur und Vakuum, andererseits hinsichtlich der Rückstandsaufnahme, die bei dickwandigen Elastomeren deutlich höher ausfällt. Da Ethylenoxid als krebserzeugend eingestuft ist, unterliegen Anlagen und Personal strengen Emissions- und Expositionsanforderungen, was die Verfahren in der Praxis auf spezialisierte Dienstleister konzentriert.

Abgrenzung zu Dampf- und Strahlensterilisation

Gegenüber dem im Eintrag Dampfsterilisation von Medizinprodukten beschriebenen Feuchthitzeverfahren arbeitet die Ethylenoxid-Sterilisation bei niedriger Temperatur und erreicht auch enge Lumina, benötigt dafür aber Tage statt Stunden und erzeugt toxikologisch relevante Rückstände. Gegenüber der Strahlensterilisation entfällt die Materialschädigung durch ionisierende Strahlung, dafür sind Verpackungsdurchlässigkeit und Desorption zwingend. Die Wahl des Verfahrens ist eine Auslegungsentscheidung, die im Risikomanagement und in der biologischen Bewertung begründet werden muss. Die einheitliche Zielgröße aller Verfahren behandelt der Eintrag Sterilitätssicherheitsniveau für Medizinprodukte; die verpackungs- und kennzeichnungsbezogenen Pflichten der Eintrag Steriles Medizinprodukt.

Bedeutung für klinische Studien

Werden Prüfprodukte mit Ethylenoxid sterilisiert, gehören Validierungsstatus und Rückstandsdaten zu den Sicherheitsunterlagen des Antrags nach Anhang XV der Verordnung (EU) 2017/745. Die Rückstandsbewertung ist dabei mit der biologischen Bewertung zu verknüpfen, weil sich die zulässigen Werte nach der Kontaktdauer im Prüfplan richten: ein Produkt, das in der Studie länger verweilt als ursprünglich geplant, wechselt die Kontaktkategorie und damit den Grenzwertsatz. Auch die Lieferkette ist relevant, denn Desorption findet häufig beim Dienstleister statt und bestimmt den frühesten Freigabetermin für die Studienlieferung.

Im Studienbetrieb ist zusätzlich die Rückverfolgbarkeit zu sichern: Sterilisationslos, Zyklusprotokoll, Freigabedatum und Rückstandsprüfung müssen dem am Zentrum angewendeten Produkt zugeordnet werden können. Ändern sich Beladung, Verpackung oder Sterilisationsstandort, ist vor weiterer Verwendung zu bewerten, ob Validierung und Rückstandsnachweis weiterhin tragen. Full-Service-CROs wie Mediconomics unterstützen Sponsoren und Hersteller bei der Aufbereitung von Sterilisations- und Rückstandsnachweisen für Studienanträge, bei der Verknüpfung dieser Daten mit Risikomanagement und biologischer Bewertung sowie bei Chargenrückverfolgbarkeit und Medical Writing.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum dauert die Freigabe nach einer EO-Sterilisation so lange?

Weil die Desorption Teil des Prozesses ist. Erst wenn Ethylenoxid und Ethylenchlorhydrin die Grenzwerte nach EN ISO 10993-7 unterschreiten, darf das Produkt freigegeben werden. Je nach Material und Verpackung dauert das Tage bis Wochen.

Welche Verpackung ist erforderlich?

Ein gasdurchlässiges Sterilbarrieresystem, das Gas und Feuchte in der Exposition einlässt und in der Desorption wieder abgibt. Gasdichte Verpackungen und flüssigkeitsgefüllte Produkte sind für das Verfahren nicht geeignet.

Was löst eine Revalidierung aus?

Änderungen an Produkt, Material, Verpackung, Beladungsmuster, Kammer oder Standort sowie Abweichungen der Biobelastung. EN ISO 11135 verlangt zudem eine periodische Bewertung der Aufrechterhaltung des validierten Zustands.

Regulatorische Referenzen

  • Verordnung (EU) 2017/745, Anhang I Kapitel II Ziffer 11 – mikrobielle Kontamination und validierte Sterilisation
  • EN ISO 11135 – Entwicklung, Validierung und Lenkung der EO-Sterilisation
  • EN ISO 10993-7 – Ethylenoxid-Rückstände und zulässige Grenzwerte
  • EN ISO 11737-1 – Bestimmung der Biobelastung als Validierungsgrundlage
  • EN ISO 11607-1 und -2 – gasdurchlässige Sterilbarrieresysteme und Verpackungsvalidierung
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