Ein Literature Review (Literaturrecherche mit strukturierter Auswertung) ist die systematische Suche, Auswahl und Zusammenfassung wissenschaftlicher und regulatorisch relevanter Quellen zu einer klar definierten Fragestellung. In klinischer Entwicklung, Medizinprodukte-Compliance und Medical Writing dient er dazu, den Stand des Wissens nachvollziehbar darzustellen, Evidenzlücken zu identifizieren und Entscheidungen zu begründen. Je nach Ziel kann ein Review als narrative Zusammenfassung, als systematischer Review oder als Bestandteil einer klinischen Bewertung nach MDR ausgeführt werden.
Ziele und Einsatzbereiche im CRO- und Sponsor-Umfeld
In Projekten werden Literature Reviews unter anderem genutzt für die Planung klinischer Studien (Endpunktwahl, Vergleichstherapien, erwartete Effektgrößen), für Risk Assessments, für das Schreiben von Clinical-Study-Reports und für Zulassungsdossiers. Bei Medizinprodukten sind sie zentraler Bestandteil der klinischen Bewertung sowie des Post-Market-Clinical-Follow-up, weil externe klinische Daten die Sicherheit und Leistungsfähigkeit des Produkts stützen können. Ein Review ist damit oft die Brücke zwischen wissenschaftlicher Literatur, internen Daten und regulatorischen Anforderungen.
In der Praxis entscheidet die Review-Qualität darüber, ob Bewertungsstellen die Argumentation als vollständig und reproduzierbar akzeptieren. Unklare Suchstrategien oder selektive Auswahl können als Bias gewertet werden und führen nicht selten zu Rückfragen im Review-Prozess.
Methodik: Fragestellung, Suchstrategie und Dokumentation
Ein belastbarer Literature Review beginnt mit einer präzisen Fragestellung und klaren Ein- und Ausschlusskriterien (Population, Intervention, Vergleich, Endpunkte, Studientypen, Zeiträume, Sprachen). Darauf aufbauend wird eine Suchstrategie für Datenbanken (z. B. PubMed/MEDLINE, Embase) und graue Literatur (Leitlinien, Behördenberichte, Registerdaten) definiert. Wichtig ist, dass Suchstrings, Suchdaten, Filter und Trefferzahlen dokumentiert werden, sodass eine unabhängige Person den Prozess nachvollziehen kann.
Zur Auswahl der Publikationen werden oft zwei unabhängige Reviewer eingesetzt, um Fehlklassifikationen zu reduzieren. Bei umfangreichen Reviews helfen Screening-Tools und eine strukturierte Datenextraktion. Für regulierte Dokumente ist auch das Audit-Trail-Denken wichtig: Warum wurde eine Quelle ausgeschlossen, und welche Version wurde verwendet?
Bewertung der Evidenzqualität und Bias
Neben der inhaltlichen Zusammenfassung gehört die kritische Bewertung der Evidenz dazu. Dazu zählen Fragen wie: Sind die Studien randomisiert und verblindet? Wie hoch ist das Risiko für Selektions- oder Publikationsbias? Sind Endpunkte klinisch relevant oder surrogate? Wie konsistent sind die Ergebnisse über Studien hinweg? In systematischen Reviews werden hierfür standardisierte Bewertungsframeworks genutzt, während narrative Reviews zumindest transparente Argumentationsketten enthalten sollten.
Typische Stolpersteine sind doppelte Publikationen derselben Studie, unvollständige Berichterstattung oder das Übersehen nicht publizierter Registerdaten. Deshalb ist der Abgleich mit Studienregistern und regulatorischen Public-Assessment-Reports oft sinnvoll.
Ein weiterer praktischer Aspekt ist die Datenextraktion: Schon bei wenigen Dutzend Quellen lohnt sich eine standardisierte Extraktionstabelle, in der Population, Studiendesign, Endpunkte, Follow-up-Dauer, relevante Sicherheitsereignisse und zentrale Effektgrößen festgehalten werden. So wird transparent, warum bestimmte Aussagen getroffen werden und welche Unsicherheiten bestehen. Für regulatorische Dokumente ist zudem wichtig, dass Zitate eindeutig auf die Originalquelle zurückgeführt werden können.
Wenn ein Review als Input für ein Studienprotokoll dient, sollte explizit gezeigt werden, wie Literaturergebnisse in Designentscheidungen übersetzt wurden – beispielsweise in die Wahl eines Komparators, in Annahmen zur Ereignisrate oder in die Definition klinisch relevanter Effektgrößen. Das erhöht die interne Nachvollziehbarkeit und reduziert das Risiko späterer Protokolländerungen.
Im CRO-Alltag spielt außerdem die Aktualität eine Rolle: Für laufende Programme werden Reviews häufig als „Living“-Dokumente geführt, die in definierten Abständen aktualisiert werden. Dann müssen Versionierung, Such-Updates und die Behandlung neu identifizierter Evidenz klar beschrieben sein, damit der Review reproduzierbar bleibt.
Regulatorische Einbettung (EU-Fokus)
Im Kontext der MDR 2017/745 wird eine systematische Literaturrecherche als Bestandteil der klinischen Bewertung erwartet. Hersteller müssen zeigen, dass relevante klinische Daten identifiziert und angemessen bewertet wurden, inklusive der Frage, ob die Literatur das eigene Produkt oder ähnliche Produkte betrifft. Auch im Arzneimittelbereich sind Literaturbewertungen in Dossiers und Risikomanagement-Dokumenten etabliert, beispielsweise zur Bewertung bekannter Risiken oder zur Einordnung von Sicherheits-Signalen.
Für klinische Studien unter der Verordnung (EU) Nr. 536/2014 und im Rahmen von ICH E6(R3) gilt: Literaturrecherchen ersetzen selten die Notwendigkeit kontrollierter Studiendaten, können aber die Rationale untermauern, Endpunkte begründen und die Auswahl von Sicherheitsparametern stützen. In Medical-Writing-Prozessen ist zudem Konsistenz entscheidend: Zitate, Aussagen und Schlussfolgerungen müssen zum Datenstand passen und sauber referenziert sein.
Best Practices für nachvollziehbare Reviews
Bewährt hat sich eine klare Struktur: Suchstrategie und Flow (identifiziert, gescreent, eingeschlossen), tabellarische Extraktion der Kerndaten, und eine Synthese, die Stärken, Schwächen und Relevanz für die Fragestellung diskutiert. Wenn quantitative Synthesen nicht sinnvoll sind, sollte begründet werden, warum (Heterogenität, fehlende Daten, unterschiedliche Endpunkte). Für Sponsor:innen ist es hilfreich, bereits früh festzulegen, welche Aussagen im Dossier claim-relevant sind und daher besonders streng belegt werden müssen.
FAQ
Worin unterscheidet sich ein systematischer von einem narrativen Review?
Ein systematischer Review folgt einer vorab definierten Such- und Auswahlmethodik und dokumentiert diese transparent. Ein narrativer Review fasst Literatur eher zusammenfassend zusammen, ist aber anfälliger für Selektionsbias, wenn die Methodik nicht offengelegt wird.
Welche Quellen zählen als graue Literatur?
Dazu gehören Leitlinien, Behördenberichte, HTA-Dokumente, Konferenzbeiträge oder Studienregister. Sie sind wichtig, weil nicht alle relevanten Ergebnisse in Journals publiziert werden.
Wie detailliert muss die Suchstrategie dokumentiert sein?
Mindestens Suchbegriffe, Datenbanken, Suchdatum, Filter und Trefferzahlen sollten angegeben werden. In regulierten Dokumenten ist zudem eine nachvollziehbare Begründung für Ein- und Ausschlüsse erforderlich.
Regulatorische Referenzen: Verordnung (EU) 2017/745 (MDR), Verordnung (EU) Nr. 536/2014 (Clinical Trials Regulation), ICH E6(R3) Guideline for Good Clinical Practice.